Gesundheit messen
Dominique Maurice Begemann • 20. Februar 2025
„Es wird mal wieder Zeit für ein
„großes Blutbild““

„Es wird mal wieder Zeit für ein „großes Blutbild“.“
"Welche Beschwerden haben Sie?"
"Keine, aber ich möchte sicher gehen, dass alles ok ist und ich gesund bin."
Dr. med. Marlies Karsch-Völk, Fachärztin für Allgemeinmedizin, schreibt dazu in der Hausarztdatenbank Deximed:
„Laboruntersuchungen, die „einfach mal so“ ohne eine bestimmte Fragestellung durchgeführt werden, sind unsinnig. Viele Menschen suchen ihre Hausarztpraxis auf und fragen nach umfassenden Laboruntersuchungen, nur um zu wissen, ob alles in Ordnung ist. Jeder im Blut durch bestimmte Laboruntersuchungen gemessene Wert kann eine oder mehrere gezielte Fragestellungen beantworten und sollte auch nur hierfür untersucht werden. Es gibt keinen Laborwert, der „Gesundheit“ bestätigt.“
https://deximed.de/home/klinische-themen/gesundheitsfoerderung-praevention/patienteninformationen/verschiedenes/laboruntersuchungen-sinnvolle-und-unsinnigeDer Wunsch nach Sicherheit ist groß. Suchen Sie einmal über eine Internet-Suchmaschine nach "kuriosen Versicherungen". Die Menge an entsprechenden Angeboten ist beeindruckend. Sie können sich gegen fast jedes Risiko versichern, finanziell.
Ihre Gesundheit ist auch versichert, gegen Krankheit, finanziell.
Warum geben Krankenkassen Bonushefte für Vorsorge und Früherkennung aus? Weil sie weniger Kosten haben, wenn ihre Versicherten gesund bleiben. Aus Sicht der Krankenkasse und der Versicherten klingt das plausibel. Gleichzeitig bekommen Menschen ein schlechtes Gewissen, wenn sie einen Vorsorge oder Früherkennung „verpasst“ haben. Denn dann wird der Bonus gestrichen. Noch schlimmer: wie im Videospiel scheinen Lebenspunkte gestrichen zu werden.
Und das, obwohl für viele der „geforderten“ Untersuchungen die tatsächlichen positiven Effekte nicht immer belegt sind.
Wenn Sie bei Wikipedia die Definition von Gesundheit suchen finden sie exemplarisch (!) dargestellt sieben verschiedene Versionen. Was heißt also „gesund sein“? Und was heißt das insbesondere für Sie, ganz persönlich?
Es ist wichtig sich im Klaren zu sein, welche Sicherheit (gesund zu sein und zu bleiben) man tatsächlich generieren kann.
https://wissenwaswirkt.org/hautkrebs-screening (30.01.2025)
Deutschland ist das einzige Land, welches ein Hautkrebs-Screening anbietet. Warum Australien, mit der höchsten Rate an Hautkrebs, nicht?
https://observer-gesundheit.de/hautkrebs-screening-ein-leerstueck/
(30.01.2025)Zurück zum „großen Blutbild“
Die Medizin hat keine absoluten Wahrheiten in den Vorhersagen, statt dessen nimmt sie sich oft Ersatzparameter zu Hilfe. Das was gemessen werden soll kann selten direkt gemessen werden.
Zusätzlich zum „großen Blutbild“ müssen wir Risikofaktoren berücksichtigen. Rauchen Sie, welchen Lebensstil haben Sie? Jeder Mensch bringt individuelle Faktoren mit, so zum Beispiel eine genetische Voraussetzung für die Entwicklung von Erkrankungen. Das Leben läuft nicht wie auf Schienen und bei jedem Menschen gleich. Vielleicht wird Ihnen an diesem Punkt schon deutlich, warum „ein großes Blutbild“ ein wenig kurz greift. Es wäre zu einfach, mit ein paar Blutwerten ihre aktuelle gesundheitliche Situation zu beschreiben und die Zukunft voraus zu sagen. Im besten Fall beschreiben die Ergebnisse Wahrscheinlichkeiten. Ebenso beinhalten Risikofaktoren keine absoluten Wahrheiten in Bezug auf die Vorhersage der Zukunft. Wenn sie rauchen steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie Lungenkrebs bekommen, aber nicht jeder rauchende Mensch bekommt tatsächlich Lungenkrebs.
Können wir also Gesundheit messen? Ja und nein und mehr nein als ja. Und wir können noch weniger sichere Aussagen zur Zukunft und Entwicklung Ihrer Gesundheit treffen.
Der größte positive Effekt liegt nicht in der Kontrolle von Werten. Viel mehr liegt er in der Umsetzung eines gesunden und bewussten Lebensstils.
So gesehen liegt es also doch an jedem einzelnen, je nach Wunsch und Einstellung etwas für seine Gesundheit zu tun, allerdings nicht mit der Hilfe von unnützen Messungen, Bonusheften und der Vermittlung eines schlechten Gewissens.
Davon unberührt bieten wir sämtliche gesetzlichen Vorsorge- und Früherkennungsuntersuchungen an. Ein „großes Blutbild“ gehört jedoch nicht dazu.
Weitere Informationen:
https://www.gesundheitsinformation.de/vor-und-nachteile-von-frueherkennungsuntersuchungen.html
Viele Menschen möchten sich verständlicherweise nicht mit Gesundheitspolitik beschäftigen, wenn sie krank sind oder Hilfe benötigen. Dafür haben wir großes Verständnis. Dennoch betreffen politische Entscheidungen die medizinische Versorgung inzwischen unmittelbar im Praxisalltag – und damit auch die Versorgung unserer Patientinnen und Patienten. Die Entwicklungen der vergangenen Monate zeigen deutlich: Patientinnen und Patienten können bei diesen politischen Entscheidungen nicht länger außen vor gelassen werden. Denn die Folgen von Sparmaßnahmen zeigen sich nicht abstrakt in Zahlen oder Gesetzestexten, sondern ganz konkret im Alltag – bei Wartezeiten, Terminvergaben, der Verfügbarkeit von Leistungen und der Belastung der Praxisteams. Die Diskussionen um die Finanzierung des deutschen Gesundheitswesens haben in den vergangenen Wochen deutlich an Schärfe gewonnen. Mit den akutellen Heilsversprechen, Geldverschiebungen und zu kurz gedachten Spar-Paketen wird sich nichts verbessern lassen. Denn die tatsächlichen Reformen fehlen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) warnt inzwischen offen davor, dass die geplanten Sparmaßnahmen der Bundesregierung spürbare Auswirkungen auf die ambulante Versorgung haben werden – also genau auf die Versorgung, die tagtäglich in Hausarztpraxen, Facharztpraxen und psychotherapeutischen Praxen, bei Therapeuten und in Apotheken stattfindet. Nach Berechnungen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) könnten bereits im kommenden Jahr rund 46 Millionen Behandlungsfälle entfallen, weil die Finanzierung dafür nicht mehr ausreichen würde. Gleichzeitig sollen die Praxen weiterhin immer mehr Aufgaben übernehmen: längere Öffnungszeiten, Digitalisierung, Steuerung von Patientenströmen und zusätzliche organisatorische Anforderungen. Die deutliche Botschaft der KBV lautet: Wenn die gesetzlichen Krankenkassen künftig nur noch das ausgeben dürfen, was eingenommen wird, dann betrifft das zwangsläufig auch die Arztpraxen. Leistungen, für die keine ausreichende Finanzierung vorgesehen ist, können langfristig nicht unbegrenzt erbracht werden. Das bedeutet konkret: weniger finanzielle Spielräume für Praxen, steigender wirtschaftlicher Druck, mehr Bürokratie bei gleichzeitig wachsendem Versorgungsbedarf, und die Gefahr, dass Leistungen eingeschränkt oder Wartezeiten noch länger werden. Was bedeutet das für Hausarztpraxen? Hausarztpraxen sind oft die erste Anlaufstelle für medizinische Fragen, akute Erkrankungen und die langfristige Betreuung chronisch kranker Menschen. Gleichzeitig steigt seit Jahren die Zahl älterer und mehrfach erkrankter Patientinnen und Patienten, während absehbar auch immer mehr Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten, in Rente gehen. Der Aufwand in den Praxen nimmt kontinuierlich zu. Auch Arztpraxen sind Wirtschaftsunternehmen. Sie beschäftigen Mitarbeitende, zahlen Mieten, Energie, Versicherungen und investieren in Technik sowie Digitalisierung. Gleichzeitig wird der ambulante Bereich zunehmend planwirtschaftlich gesteuert: Es wird vorgegeben, welche (teilweise auch sinnlosen und nicht evidenten) Leistungen erbracht werden sollen, während die Finanzierung dafür immer weiter begrenzt wird. Hinzu kommt: Auch die Praxen selbst möchten keine Entwicklung, bei der immer mehr Patientinnen und Patienten in immer kürzerer Zeit behandelt werden müssen. Gute Medizin braucht Sorgfalt, Aufmerksamkeit und Menschlichkeit. Medizinische Entscheidungen lassen sich nicht beliebig beschleunigen, ohne dass die Qualität der Versorgung darunter leidet. Wenn Zeit für Gespräche, Untersuchungen und sorgfältige Abwägungen fehlt, steigt zwangsläufig die Gefahr von Fehlern, Missverständnissen und Unzufriedenheit – auf Seiten der Patientinnen und Patienten ebenso wie bei den Praxisteams. In keiner anderen Branche würde erwartet werden, dass dauerhaft mehr gearbeitet und gleichzeitig weniger bezahlt wird. Genau diese Einschnitte treffen aktuell schon psychotherapeutische Praxen, die ebenfalls mit Honorarkürzungen und steigenden Anforderungen konfrontiert sind. Welcher Bäcker gibt ihnen zehn Brötchen, wenn Sie ihm nur sieben bezahlen? Gesundheitsversorgung als Teil der Daseinsvorsorge Stellen Sie sich vor, Ihre örtliche Feuerwehr würde nur dann bezahlt, wenn es bei Ihnen lichterloh brennt. Kein Feuer? Kein Geld. Oder die Polizei: Die Beamten erhielten ihr Gehalt ausschließlich pro aufgeklärtem Verbrechen. Klingt absurd? In der Welt der öffentlichen Sicherheit ist das undenkbar, denn wir bezahlen diese Dienste dafür, dass sie da sind, wenn es brennt – nicht dafür, dass es brennen muss, damit sie überleben. Doch genau dieses „Absurditätsszenario“ ist im deutschen Gesundheitswesen in weiten Teilen Realität. Daseinsvorsorge bedeutet, dass der Staat sicherstellt, dass grundlegende Güter und Leistungen für alle Bürger verfügbar sind – unabhängig vom Geldbeutel. Dazu gehören: Wasser und Energie Öffentlicher Nahverkehr Sicherheit (Polizei/Feuerwehr) Gesundheit Gesundheit ist kein Luxusgut, sondern die Basis für ein funktionierendes Leben und eine stabile Gesellschaft. Ohne ein verlässliches Krankenhaussystem, eine flächendeckende hausärztliche, therapeutische und pharmazeutische Versorgung bricht das soziale Gefüge zusammen. Der Systemfehler: Vorhaltung vs. Leistung Während wir bei der Polizei und Feuerwehr die Vorhaltung finanzieren , finanzieren wir im Gesundheitswesen primär die Leistungserbringung . Durch das System der Fallpauschalen (DRGs) im Krankenhaus oder die Abrechnung einzelner Ziffern in der Arztpraxis entsteht ein seltsames Paradoxon: Ein Krankenhaus, das Betten für Notfälle leer hält (was im Sinne der Daseinsvorsorge klug ist), macht ökonomisch Verlust. Es wird erst belohnt, wenn der „Brand“ (die Krankheit) eintritt und behandelt wird. Im Gesundheitswesen führt die reine Leistungsbezahlung dazu, dass Quantität oft über Qualität und Prävention siegt. Wir müssen Gesundheit wieder stärker als echte Daseinsvorsorge begreifen. Das bedeutet nicht, die Leistung komplett zu ignorieren, aber wir müssen die Strukturen a bsichern. Wenn wir Gesundheit als reines Geschäft behandeln, riskieren wir, dass die Versorgung dort verschwindet, wo sie sich nicht „rechnet“. Es wird Zeit, dass wir den Wert der bloßen Anwesenheit von Hilfe wiedererkennen – bevor es bei uns brennt und keiner mehr da ist, der löschen darf. Die Bedeutung der hausarztzentrierten Versorgung (HZV) Gerade vor diesem Hintergrund gewinnt die hausarztzentrierte Versorgung zunehmend an Bedeutung. Hausarztpraxen sind häufig die erste Anlaufstelle für gesundheitliche Beschwerden und begleiten Menschen oft über viele Jahre hinweg. Eine starke hausärztliche Versorgung bedeutet: bessere Koordination medizinischer Behandlungen, weniger unnötige Doppeluntersuchungen, schnellere Orientierung im Gesundheitssystem, frühzeitiges Erkennen von Erkrankungen, und eine kontinuierliche Betreuung mit Kenntnis der persönlichen Krankengeschichte. Die hausarztzentrierte Versorgung stärkt nicht nur die Beziehung zwischen Patient und Praxis, sondern trägt dazu bei, das Gesundheitssystem insgesamt effizienter und stabiler zu gestalten. Wenn Hausarztpraxen ausreichend unterstützt werden, profitieren letztlich alle Beteiligten: Patientinnen und Patienten, Facharztpraxen, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen. Dafür braucht es jedoch verlässliche politische Rahmenbedingungen, eine realistische Finanzierung und die Anerkennung der zentralen Rolle, die Hausarztpraxen für die medizinische Versorgung in Deutschland übernehmen. Die ambulante Versorgung in Deutschland trägt einen Großteil der medizinischen Betreuung – wohnortnah, niedrigschwellig und vergleichsweise sehr kosteneffizient. Gerade deshalb ist es wichtig, diese Strukturen nicht weiter zu schwächen. Unser Anspruch bleibt bestehen Trotz aller Herausforderungen setzen wir uns weiterhin täglich mit großem Engagement für Ihre Versorgung ein. Unser gesamtes Praxisteam arbeitet daran, medizinische Betreuung menschlich, sorgfältig und erreichbar zu gestalten. Wenn es dennoch zu Wartezeiten oder organisatorischen Einschränkungen kommt, bitten wir Sie um Verständnis. Hinter vielen Abläufen stehen mittlerweile Anforderungen, die von außen oft kaum sichtbar sind. Gerade in schwierigen Zeiten zeigt sich, wie wichtig ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Praxis und Pati entinnen und Patienten ist. Ihre Geduld, Ihr Verständnis und der respektvolle Umgang miteinander helfen uns sehr, auch unter schwierigen Rahmenbedingungen weiterhin für Sie da zu sein.


