Gesundheit messen?! (überarbeitet)
Es wird mal wieder Zeit für ein
„großes Blutbild“

„Ich hätte gerne einmal ein großes Blutbild.“
„Welche Beschwerden haben Sie?“
„Eigentlich keine. Ich möchte einfach wissen, ob alles in Ordnung ist.“
Diesen Wunsch hören wir in der Hausarztpraxis häufig. Er ist gut nachvollziehbar. Viele Menschen möchten Gewissheit über ihre Gesundheit und hoffen, dass eine Blutuntersuchung diese geben kann.
Leider funktioniert Medizin so nicht.
Kann ein Bluttest Gesundheit nachweisen?
Nein.
Blutuntersuchungen sind wichtige diagnostische Werkzeuge. Sie beantworten jedoch immer eine konkrete medizinische Fragestellung. Es gibt keinen einzelnen Laborwert – und auch keine Kombination von Laborwerten –, die bestätigen kann, dass ein Mensch gesund ist.
Die Allgemeinmedizinerin Dr. med. Marlies Karsch-Völk beschreibt dies in der Hausarztdatenbank Deximed so:
„Laboruntersuchungen, die ‚einfach mal so‘ ohne eine bestimmte Fragestellung durchgeführt werden, sind unsinnig. [...] Es gibt keinen Laborwert, der ‚Gesundheit‘ bestätigt.“
Deshalb empfehlen medizinische Leitlinien Laboruntersuchungen nicht als allgemeinen „Gesundheitscheck“, sondern dann, wenn Beschwerden, Risikofaktoren oder konkrete Fragestellungen vorliegen.
Der Wunsch nach Sicherheit
Der Wunsch nach Sicherheit ist menschlich. Wir möchten möglichst früh erkennen, wenn sich eine Krankheit entwickelt – am besten noch bevor Beschwerden auftreten.
Genau deshalb gibt es Vorsorge- und Früherkennungsuntersuchungen.
Doch auch hier gilt: Keine Untersuchung kann absolute Sicherheit bieten.
Jede Untersuchung hat Grenzen. Sie kann Krankheiten übersehen, auffällige Befunde zeigen, die sich später als harmlos herausstellen, oder weitere Untersuchungen nach sich ziehen, die sich im Nachhinein als unnötig erweisen.
Deshalb wird heute nicht nur gefragt, ob eine Untersuchung Krankheiten erkennen kann, sondern auch, ob sie den Menschen tatsächlich einen nachweisbaren Nutzen bringt.
Vorsorge bedeutet Nutzen und mögliche Nachteile abzuwägen
Moderne Medizin orientiert sich an wissenschaftlicher Evidenz.
Deshalb werden Vorsorge- und Früherkennungsprogramme regelmäßig darauf überprüft,
- ob sie Erkrankungen früher erkennen,
- ob sie die Sterblichkeit senken,
- ob sie die Lebensqualität verbessern,
- und welche möglichen Nachteile sie mit sich bringen.
Nicht jede Untersuchung erfüllt diese Erwartungen gleichermaßen. Manche Verfahren sind sehr gut wissenschaftlich belegt, bei anderen ist der Nutzen weniger eindeutig oder wird weiterhin untersucht.
Ein Beispiel hierfür ist das Hautkrebs-Screening. Sein möglicher Nutzen und seine möglichen Nachteile werden seit Jahren wissenschaftlich diskutiert. Die vorhandenen Studien erlauben bislang keine eindeutige Aussage darüber, in welchem Ausmaß das Screening die Sterblichkeit senkt. Gleichzeitig sind mögliche Nachteile wie Überdiagnosen und unnötige Folgeuntersuchungen bekannt.
Weitere Informationen finden Sie hier:
- https://wissenwaswirkt.org/hautkrebs-screening
- https://observer-gesundheit.de/hautkrebs-screening-ein-leerstueck/
Gesundheit ist mehr als Laborwerte
Ob ein Mensch gesund ist, lässt sich nicht allein anhand von Blutwerten beurteilen.
Für die Einschätzung spielen viele Faktoren eine Rolle:
- Ihre Beschwerden
- Ihr Alter
- bekannte Vorerkrankungen
- familiäre Risiken
- Blutdruck und Gewicht
- Bewegung
- Ernährung
- Rauchen und Alkoholkonsum
- psychische Gesundheit
- soziale Lebensumstände
Laborwerte sind dabei nur ein Baustein.
Auch Risikofaktoren erlauben keine sicheren Vorhersagen. Rauchen erhöht beispielsweise das Risiko für Lungenkrebs deutlich. Dennoch erkrankt nicht jeder Raucher, und auch Nichtraucher können betroffen sein.
Medizin arbeitet deshalb überwiegend mit Wahrscheinlichkeiten – nicht mit Gewissheiten.
Was schützt unsere Gesundheit wirklich?
Die größten gesundheitlichen Effekte entstehen meist nicht durch zusätzliche Untersuchungen, sondern durch unseren Lebensstil.
Dazu gehören insbesondere
- regelmäßige Bewegung,
- eine ausgewogene Ernährung,
- Nichtrauchen,
- ausreichend Schlaf,
- ein gesunder Umgang mit Stress,
- maßvoller Alkoholkonsum und
- soziale Kontakte.
Diese Maßnahmen haben einen deutlich größeren Einfluss auf Gesundheit und Lebenserwartung als Laboruntersuchungen ohne medizinischen Anlass.
Was bedeutet das für Sie?
Wir möchten gemeinsam mit Ihnen entscheiden, welche Untersuchungen in Ihrer persönlichen Situation sinnvoll sind.
Dabei berücksichtigen wir Ihre Beschwerden, Ihr individuelles Risiko, aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse und selbstverständlich auch Ihre Wünsche und Fragen.
Selbstverständlich bieten wir alle gesetzlich empfohlenen Vorsorge- und Früherkennungsuntersuchungen an und beraten Sie gerne über deren Nutzen und mögliche Grenzen.
Ein „großes Blutbild“ als allgemeiner Gesundheitscheck gehört jedoch nicht zu den empfohlenen Vorsorgeleistungen, da es ohne konkrete Fragestellung keinen nachgewiesenen Nutzen hat.
Weitere Informationen
Vor- und Nachteile von Früherkennungsuntersuchungen
https://www.gesundheitsinformation.de/vor-und-nachteile-von-frueherkennungsuntersuchungen.html



