Digitale "Revulotion" und analoger Bankrott

Dominique Maurice Begemann • 31. Mai 2026

Der „Quick Fix“ für ein System im Burnout:

Zwischen DiGA-Hype und Influencer-Quacksalberei

Wer heute in Deutschland einen Termin beim Facharzt sucht, braucht entweder eine Engelsgeduld oder eine Zeitmaschine. Während die Grundfesten unseres Gesundheitswesens unter Personalmangel, Finanzierungslöchern und einem schleppenden Reformstau ächzen, erleben wir an einer anderen Front einen bizarren Goldrausch: Den Aufstieg der „Fast-Food-Medizin“.


Das System brennt – und wir kaufen Apps

Die Realität in den Kliniken und Praxen ist ernüchternd. Das Vertrauen in die Leistungskraft des Systems ist auf einem historischen Tiefstand. Viele Menschen sorgen sich um die Finanzierbarkeit. Was ist die politische Antwort? Digitalisierung um jeden Preis.

Besonders im Fokus stehen die Digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA), die „Apps auf Rezept“. Was als Revolution der Patientenbeteiligung startete, offenbart immer mehr Risse. Kritische Analysen von Kassenverbänden und Universitäten (wie der FAU Erlangen-Nürnberg) zeigen, dass für viele dieser teuren Anwendungen – die den Beitragszahler hunderte Euro pro Quartal kosten – eine echte klinische Evidenz oft nur lückenhaft vorhanden ist. Wir bezahlen für digitale Hoffnung, während die physische Infrastruktur zerfällt.


 „Medfluencing“: Die neue Quacksalberei

Noch gefährlicher als die überteuerten Apps ist jedoch das, was auf unseren Bildschirmen passiert, während wir im Wartezimmer sitzen. In den sozialen Medien boomen die „Health Influencer“.

  • Heilsversprechen per Story: Da wird die Leberreinigung mit Selleriesaft als Heilmittel für chronische Autoimmunerkrankungen verkauft.
  • Wissenschaft als Marketing-Hülle: Begriffe wie „bio-identisch“, „Stoffwechsel-Boost“ oder „Zell-Detox“ werden ohne jede wissenschaftliche Substanz in die Kamera gelächelt, oft flankiert von einem Rabattcode für das nächste völlig überflüssige Nahrungsergänzungsmittel.


Das Problem: Diese Influencer genießen oft höheres Vertrauen als das medizinische Personal, weil sie „nahbarer“ wirken. Doch eine sympathische Ausstrahlung ersetzt kein Medizinstudium und schon gar keine evidenzbasierte Studie.

Die Verbraucherzentralen laufen 2026 Sturm gegen diese Flut an Falschinformationen, doch die Regulierung hinkt der Geschwindigkeit der Algorithmen Jahre hinterher.


Das gefährliche Vakuum

Warum fallen wir darauf rein? Weil das echte System eine Lücke lässt. Wenn der Arzt nur noch fünf Minuten Zeit hat, suchen sich Menschen Antworten bei denen, die sich Zeit nehmen – auch wenn deren Antworten aus einer Mischung aus Placebo-Effekt und knallhartem Verkaufsinteresse bestehen.


Die bittere Ironie: Während wir die „App auf Rezept“ mit Millionen fördern und Influencern für Lifestyle-Vitaminsprays huldigen, fehlt es an Geld für Pflegekräfte, Landärzte und eine vernünftige Prävention, die über ein schickes politisches Papier hinausgeht.


Zurück zur Evidenz, weg vom Algorithmus

Digitalisierung ist kein Selbstzweck und Reichweite ist keine Kompetenz. Wir müssen aufhören, technologische Spielereien und Social-Media-Hypes mit echter medizinischer Qualität zu verwechseln. Ein Gesundheitswesen, das den persönlichen Kontakt durch eine App ersetzt und Fakten durch Follower-Zahlen misst, hat seinen Kompass verloren. Statt dessen brauchen wir eine funktionierende Digitalisierung im Gesundheitssystem.


Es ist Zeit für eine Rückbesinnung auf das, was zählt: Evidenzbasierte Medizin, Transparenz und eine Versorgung, die den Menschen sieht, im hier und jetzt und ganz analog.




31. Mai 2026
Pressemitteilung des Hausärztinnen- und Hausärzteverband Hessen e. V.
von Dominique Maurice Begemann 31. Mai 2026
Viele Menschen möchten sich verständlicherweise nicht mit Gesundheitspolitik beschäftigen, wenn sie krank sind oder Hilfe benötigen. Dafür haben wir großes Verständnis. Dennoch betreffen politische Entscheidungen die medizinische Versorgung inzwischen unmittelbar im Praxisalltag – und damit auch die Versorgung unserer Patientinnen und Patienten. Die Entwicklungen der vergangenen Monate zeigen deutlich: Patientinnen und Patienten können bei diesen politischen Entscheidungen nicht länger außen vor gelassen werden. Denn die Folgen von Sparmaßnahmen zeigen sich nicht abstrakt in Zahlen oder Gesetzestexten, sondern ganz konkret im Alltag – bei Wartezeiten, Terminvergaben, der Verfügbarkeit von Leistungen und der Belastung der Praxisteams. Die Diskussionen um die Finanzierung des deutschen Gesundheitswesens haben in den vergangenen Wochen deutlich an Schärfe gewonnen. Mit den akutellen Heilsversprechen, Geldverschiebungen und zu kurz gedachten Spar-Paketen wird sich nichts verbessern lassen. Denn die tatsächlichen Reformen fehlen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) warnt inzwischen offen davor, dass die geplanten Sparmaßnahmen der Bundesregierung spürbare Auswirkungen auf die ambulante Versorgung haben werden – also genau auf die Versorgung, die tagtäglich in Hausarztpraxen, Facharztpraxen und psychotherapeutischen Praxen, bei Therapeuten und in Apotheken stattfindet. Nach Berechnungen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) könnten bereits im kommenden Jahr rund 46 Millionen Behandlungsfälle entfallen, weil die Finanzierung dafür nicht mehr ausreichen würde. Gleichzeitig sollen die Praxen weiterhin immer mehr Aufgaben übernehmen: längere Öffnungszeiten, Digitalisierung, Steuerung von Patientenströmen und zusätzliche organisatorische Anforderungen. Die deutliche Botschaft der KBV lautet: Wenn die gesetzlichen Krankenkassen künftig nur noch das ausgeben dürfen, was eingenommen wird, dann betrifft das zwangsläufig auch die Arztpraxen. Leistungen, für die keine ausreichende Finanzierung vorgesehen ist, können langfristig nicht unbegrenzt erbracht werden. Das bedeutet konkret: weniger finanzielle Spielräume für Praxen, steigender wirtschaftlicher Druck, mehr Bürokratie bei gleichzeitig wachsendem Versorgungsbedarf, und die Gefahr, dass Leistungen eingeschränkt oder Wartezeiten noch länger werden. Was bedeutet das für Hausarztpraxen? Hausarztpraxen sind oft die erste Anlaufstelle für medizinische Fragen, akute Erkrankungen und die langfristige Betreuung chronisch kranker Menschen. Gleichzeitig steigt seit Jahren die Zahl älterer und mehrfach erkrankter Patientinnen und Patienten, während absehbar auch immer mehr Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten, in Rente gehen. Der Aufwand in den Praxen nimmt kontinuierlich zu. Auch Arztpraxen sind Wirtschaftsunternehmen. Sie beschäftigen Mitarbeitende, zahlen Mieten, Energie, Versicherungen und investieren in Technik sowie Digitalisierung. Gleichzeitig wird der ambulante Bereich zunehmend planwirtschaftlich gesteuert: Es wird vorgegeben, welche (teilweise auch sinnlosen und nicht evidenten) Leistungen erbracht werden sollen, während die Finanzierung dafür immer weiter begrenzt wird. Hinzu kommt: Auch die Praxen selbst möchten keine Entwicklung, bei der immer mehr Patientinnen und Patienten in immer kürzerer Zeit behandelt werden müssen. Gute Medizin braucht Sorgfalt, Aufmerksamkeit und Menschlichkeit. Medizinische Entscheidungen lassen sich nicht beliebig beschleunigen, ohne dass die Qualität der Versorgung darunter leidet. Wenn Zeit für Gespräche, Untersuchungen und sorgfältige Abwägungen fehlt, steigt zwangsläufig die Gefahr von Fehlern, Missverständnissen und Unzufriedenheit – auf Seiten der Patientinnen und Patienten ebenso wie bei den Praxisteams. In keiner anderen Branche würde erwartet werden, dass dauerhaft mehr gearbeitet und gleichzeitig weniger bezahlt wird. Genau diese Einschnitte treffen aktuell schon psychotherapeutische Praxen, die ebenfalls mit Honorarkürzungen und steigenden Anforderungen konfrontiert sind. Welcher Bäcker gibt ihnen zehn Brötchen, wenn Sie ihm nur sieben bezahlen? Gesundheitsversorgung als Teil der Daseinsvorsorge Stellen Sie sich vor, Ihre örtliche Feuerwehr würde nur dann bezahlt, wenn es bei Ihnen lichterloh brennt. Kein Feuer? Kein Geld. Oder die Polizei: Die Beamten erhielten ihr Gehalt ausschließlich pro aufgeklärtem Verbrechen. Klingt absurd? In der Welt der öffentlichen Sicherheit ist das undenkbar, denn wir bezahlen diese Dienste dafür, dass sie da sind, wenn es brennt – nicht dafür, dass es brennen muss, damit sie überleben. Doch genau dieses „Absurditätsszenario“ ist im deutschen Gesundheitswesen in weiten Teilen Realität. Daseinsvorsorge bedeutet, dass der Staat sicherstellt, dass grundlegende Güter und Leistungen für alle Bürger verfügbar sind – unabhängig vom Geldbeutel. Dazu gehören: Wasser und Energie Öffentlicher Nahverkehr Sicherheit (Polizei/Feuerwehr) Gesundheit Gesundheit ist kein Luxusgut, sondern die Basis für ein funktionierendes Leben und eine stabile Gesellschaft. Ohne ein verlässliches Krankenhaussystem, eine flächendeckende hausärztliche, therapeutische und pharmazeutische Versorgung bricht das soziale Gefüge zusammen. Der Systemfehler: Vorhaltung vs. Leistung Während wir bei der Polizei und Feuerwehr die Vorhaltung finanzieren , finanzieren wir im Gesundheitswesen primär die Leistungserbringung . Durch das System der Fallpauschalen (DRGs) im Krankenhaus oder die Abrechnung einzelner Ziffern in der Arztpraxis entsteht ein seltsames Paradoxon: Ein Krankenhaus, das Betten für Notfälle leer hält (was im Sinne der Daseinsvorsorge klug ist), macht ökonomisch Verlust. Es wird erst belohnt, wenn der „Brand“ (die Krankheit) eintritt und behandelt wird. Im Gesundheitswesen führt die reine Leistungsbezahlung dazu, dass Quantität oft über Qualität und Prävention siegt. Wir müssen Gesundheit wieder stärker als echte Daseinsvorsorge begreifen. Das bedeutet nicht, die Leistung komplett zu ignorieren, aber wir müssen die Strukturen a bsichern. Wenn wir Gesundheit als reines Geschäft behandeln, riskieren wir, dass die Versorgung dort verschwindet, wo sie sich nicht „rechnet“. Es wird Zeit, dass wir den Wert der bloßen Anwesenheit von Hilfe wiedererkennen – bevor es bei uns brennt und keiner mehr da ist, der löschen darf. Die Bedeutung der hausarztzentrierten Versorgung (HZV) Gerade vor diesem Hintergrund gewinnt die hausarztzentrierte Versorgung zunehmend an Bedeutung. Hausarztpraxen sind häufig die erste Anlaufstelle für gesundheitliche Beschwerden und begleiten Menschen oft über viele Jahre hinweg. Eine starke hausärztliche Versorgung bedeutet: bessere Koordination medizinischer Behandlungen, weniger unnötige Doppeluntersuchungen, schnellere Orientierung im Gesundheitssystem, frühzeitiges Erkennen von Erkrankungen, und eine kontinuierliche Betreuung mit Kenntnis der persönlichen Krankengeschichte. Die hausarztzentrierte Versorgung stärkt nicht nur die Beziehung zwischen Patient und Praxis, sondern trägt dazu bei, das Gesundheitssystem insgesamt effizienter und stabiler zu gestalten. Wenn Hausarztpraxen ausreichend unterstützt werden, profitieren letztlich alle Beteiligten: Patientinnen und Patienten, Facharztpraxen, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen. Dafür braucht es jedoch verlässliche politische Rahmenbedingungen, eine realistische Finanzierung und die Anerkennung der zentralen Rolle, die Hausarztpraxen für die medizinische Versorgung in Deutschland übernehmen. Die ambulante Versorgung in Deutschland trägt einen Großteil der medizinischen Betreuung – wohnortnah, niedrigschwellig und vergleichsweise sehr kosteneffizient. Gerade deshalb ist es wichtig, diese Strukturen nicht weiter zu schwächen. Unser Anspruch bleibt bestehen Trotz aller Herausforderungen setzen wir uns weiterhin täglich mit großem Engagement für Ihre Versorgung ein. Unser gesamtes Praxisteam arbeitet daran, medizinische Betreuung menschlich, sorgfältig und erreichbar zu gestalten. Wenn es dennoch zu Wartezeiten oder organisatorischen Einschränkungen kommt, bitten wir Sie um Verständnis. Hinter vielen Abläufen stehen mittlerweile Anforderungen, die von außen oft kaum sichtbar sind. Gerade in schwierigen Zeiten zeigt sich, wie wichtig ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Praxis und Pati entinnen und Patienten ist. Ihre Geduld, Ihr Verständnis und der respektvolle Umgang miteinander helfen uns sehr, auch unter schwierigen Rahmenbedingungen weiterhin für Sie da zu sein.
von Dominique Maurice Begemann 20. Februar 2026
Und warum Sie an Ihrem Küchentisch besser untersucht sind als in der Arztpraxis. Das können Sie in folgendem Artikel des Instituts für hausärztliche Fortbildung lesen. https://aerzte.ihf-fortbildung.de/news/hier-ist-er-immer-hoeher-warum-der-wichtigste-blutdruck-gar-nicht-in-der-praxis-gemessen-wird/ Sollte Sie der Vergleich mit dem Plakt und dem Film verwirren: wenn man viele Bilder (=Blutdruckmessungen) aneinanderreiht entsteht ein Film. Den möchten wir in der Praxis sehen. In ihrem Notizbuch.  Die Messung in der Praxis entspricht dem Filmplakat.
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